»Wenn Sie mit dem Stein werfen, muss ich ihn einkassieren!« Ich senke den Arm, nehme die Hand mit dem schwarzen Stein vor meinen Bauch und beuge mich vor. »Nein!«, sage ich. Bevor die blonde Frau geht, droht sie mir noch: »Wenn Sie damit werfen, komme ich wieder!« Sie ist jünger als die meisten, die hier wohnen. Ich kenne sie, wie sie heißt weiß ich nicht. Sie sieht aus wie Hilde, die Tochter meines Schulfreundes.
Ich richte mich wieder auf, der Rücken krampft. Meine Finger streichen über den schwarzen Stein, wie jeden Tag, jede Stunde und jede Minute. Er ist nicht so glatt wie die Billardkugeln aus meiner Jugend. An manchen Stellen fühlt er sich an wie die Steinkohle, die ich als Kind aus dem Keller holen musste. Dort ist auch die Farbe schon ab, dort ist es einfach nur noch ein Stein. Ohne Farbe oder Muster oder Erhebungen der dicken Farbränder.
»Hat den dein Kind bemalt?«, will die Grauhaarige mit dem Glubschauge wissen. Sie wohnt hier, wie sie heißt weiß ich nicht. Aber ich kenne sie.
»Nein, ich habe keine Kinder«, erkläre ich. Um weiterreden zu können, atme ich tief gegen den engen Brustkorb ein. »Ich habe keine Familie.« Noch einmal erhebe ich den Stein und sage: »Das war die größte Reise meines Lebens. Mein größtes Abenteuer!«
»Wo war das?«, fragte Glubschauge.
Ich schaue den Stein an. Er ist schwarz und in der Mitte blankgerieben. »Es war in ...« Die blanke Stelle. Die blanke Stelle, dort war es. Ich habe es abgerieben. Aber ich war dort!
Der kurze Radstand und die unebene Straße aus Teerflicken ließen Frieders Auto ordentlich hoppeln, egal wie langsam er fuhr. Er bog ab und kam auf dem Parkplatz einer Werkstatt zum Stehen. »Schön, dass Sie noch offen haben «, begrüßte er den Mechaniker. »Nicht nur noch offen«, sagte dieser, »auch die einzige Werkstatt im weiten Umkreis. Wir haben überlebt!«
Auf Heldengeschichten aus dem sterbenden ländlichen Raum hatte Frieder keine Lust. Sein Stadtflitzer war für diese besseren Feldwege einfach nicht gemacht und gab seit einer Stunde bedrohliche Geräusche von sich. »Können Sie sich das Auto ansehen?«
Der Mechaniker trat einen Schritt näher, musterte den Wagen, grinste und fragte: »Sicher, dass er in die Werkstatt muss? Vielleicht müssen Sie nur einen Euro nachwerfen?« Auch auf Witze über sein Auto hatte Frieder überhaupt keine Lust. »Schauen Sie ihn sich an? «
Der Mechaniker nickte und fragte nach dem Wagenschlüssel und fügte aber vergnügt hinzu: »Eigentlich könnte ich ihn mir auch unter den Arm klemmen.«
»Schauen Sie einfach nach! Kann ich so lange warten?«
»Im Büro ist noch ein Stuhl.«
Frieder machte es sich bequem und behielt den Mechaniker, so gut es ging, durch die Verbindungstür zur Werkstatt im Auge.
»Kann ich die Tür zuschlagen oder fällt dann eine Scheibe raus?«, kam die Stimme aus der Werkstatt.
»Herrgott, machen Sie einfach!«
Als Frieder sich umschaute, war es schon dunkel draußen. Er musste eingenickt sein. Der Mechaniker saß ihm gegenüber am Schreibtisch. »wie lange habe ich geschlafen?«
»Drei Stunden.«
»Ist mein Auto fertig?«
»Die rasende Hutschachtel ist seit zwei Stunden wieder startklar.«
Frieder spürte die aufkommende Hitze in seinen Ohrläppchen und seine Ader klopfte gegen den Hemdkragen. »Warum lassen Sie mich dann so lange schlafen? Ich habe Termine!«
»Sie sahen so friedlich aus!«
»Das ist ... «, Frieder schnaufte durch. »Was macht es?«
»172,50«
Er legte das Geld auf den Schreibtisch. Der Mechaniker sagte nur: »Noch'n Zehner!« Frieder legte nach. »Und noch'n Euro.« Frieder legte nach. »Machen wir noch'n Zwanni als Trinkgeld und Stuhlmiete?«
Frieder warf ihm noch den Zwanziger hin und ging wortlos seinem Auto. Nur weg hier. Weg hier und zurück in die Stadt!
Er fasste aus Gewohnheit in die Jackentasche, um den Autoschlüssel herauszuholen, ertastet aber etwas Fremdes. Rund und mit Stiel? Es knisterte? Zaghaft zog er einen Kirsch-Lolli aus seiner Tasche und dreht sich verwundert zum Mechaniker um. Dieser winkte ihm zu und rief: »Seien Sie froh, dass ich nichts herausgenommen habe, Schlafmütze!«